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Die Wegweiser

Die Wegweiser

 

Als ich auf dem Vorplatz des buddhistischen Klosters stand, auf dem Hügel über der Stadt, wusste ich, dass ich für eine Auszeit hierher musste. Nur eine Stunde zuvor hatte ich noch keinen Gedanken an so eine Auszeit verschwendet. Aber dieses Gefühl, dass mich mein Weg hierher geführt hat, war übermächtig. Ich wusste, dass ich hier Antworten finden würde, auch wenn die dann schlussendlich von einer ganz anderen, unerwarteten Seite kamen. Einige Monate später stehe ich wieder hier, wieder auf dem Vorplatz des Klosters, diesmal aber mit meinem Koffer, und verabschiede mich von meiner Frau.

30 Jahre vorher, in einem thailändischen Dorf, irgendwo im Urwald, im Grenzgebiet hoch oben im Norden. Wo genau, weiss ich auch nicht mehr. Abgekämpft und schmutzig fuhren wir auf unseren knatternden Motorrädern, welche die einsame Stille des Urwalds durchschnitten, in ein kleines Dorf. Wir waren weit und breit die einzigen «Falangs», und die ganzen Dorfbewohner kamen zusammen, um uns zu begrüssen. Kinder scharten sich um uns. Bestaunten uns und unsere Motorräder mit grossen Augen. Die Männer kamen mit Bier und Schnaps daher. 

Da kam ein alter buddhistischer Mönch, gekleidet in die typisch orangefarbene Mönchsrobe, auf uns zu. Mir ist er damals jedenfalls alt vorgekommen. Wir verstanden kein Wort, aber seine sehr freundliche Art und seine ruhigen Handzeichen zeigten uns, dass er uns in das kleine Kloster auf dem hohen Hügel hinter dem Dorf einlud. In meinen jungen Jahren schien mir das spontane Fest aber attraktiver, als mit einem alten und weisen Mönch auf einen Hügel zu steigen. Und so im Mittelpunkt eines ganzen Dorfes zu stehen, schmeichelte natürlich dazumal meinem jungen Ego. Also bin ich im Dorf geblieben.

Irgendwann mussten wir weiter, bevor es dunkel wurde. Als wir uns auf unsere Motorräder schwangen und losfuhren, stand der alte Mönch oben auf dem Hügel. Er stand allein vor dem kleinen Kloster und hob seine Hand zum Abschied.

Das Leben zieht an einem vorüber. Unaufhaltsam. Man ist beschäftigt mit Arbeit, Problemen, Genuss und Ablenkung, manchmal auch mit sich selbst, so dass man manchmal die ganzen Wegweiser, die direkt vor einem stehen, übersieht. Man ist auf seinem Weg gefangen. Ab und zu muss man daher den Weg verlassen. Etwas auf die Seite treten, um zu sehen, wohin der Weg einen führt. Ob man noch in die richtige Richtung geht. Und wenn man sich nicht sicher ist, muss man eben auf einen Hügel gehen. Von da oben sieht man den Weg besser. In ein Kloster vielleicht…

 

 

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Zum Nachdenken:

David Steindl-Rast klein Kopie

«Wir sind das Leben und das Leben lebt uns. Wir sind im Dialog mit dem Leben. Wir müssen hinhorchen und fragen, was will das Leben jetzt von mir und es dann tun. Wir können aber auch unseren ganz eigenen Weg gehen, einfach taub und schlafwandlerisch. Das ist auch möglich und leider tun das Menschen.»

Benediktiner-Mönch und Zen-Meister David Steindl-Rast in SRF Kultur


Arthur_Schopenhauer klein

«Die Szenen unsers Lebens gleichen den Bildern in grober Musaik, welche in der Nähe keine Wirkung thun, sondern von denen man fern stehn muß, um sie schön zu finden. Daher heißt etwas Ersehntes erlangen, dahinterkommen, daß es eitel ist, und leben wir allezeit in der Erwartung des Besseren, auch oft zugleich in reuiger Sehnsucht nach dem Vergangenen. Das Gegenwärtige hingegen wird nur einstweilen so hingenommen und für nichts geachtet als für den Weg zum Ziel. Daher werden die meisten, wenn sie am Ende zurückblicken, finden, daß sie ihr ganzes Leben hindurch ad interim gelebt haben, und verwundert seyn, zu sehn, daß das, was sie so ungeachtet und ungenossen vorübergehn ließen, eben ihr Leben war, eben Das war, in dessen Erwartung sie lebten. Und so ist denn der Lebenslauf des Menschen in der Regel dieser, daß er, von der Hoffnung genarrt, dem Tode in die Arme tanzt.»

Arthur Schopenhauer in «Von der Nichtigkeit des Daseyns», §148

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