Kann sich noch jemand an das schüchterne Mädchen in der hintersten Bankreihe aus der ersten Klasse erinnern? Das Mädchen, das nie aufgefallen ist? Weder im Unterricht noch auf dem Pausenplatz? Ich schon, weil ich das erste Mal verliebt war und ihr, kaum konnte ich ein paar Worte schreiben, «Schatzbriefli» unter ihr Schulbuch legte. Sie mir übrigens auch. Das ging so lange, bis mir dann mein damaliger bester Schulfreund mit ernster Miene erklärt hatte, dass Mädchen doof sind. Das war übrigens der, welcher heute in Zürich Koch ist und mit seinem Lebenspartner ein angesagtes Restaurant führt.
Wie auch immer – wirklich gut können wir uns nur an einschneidende Erlebnisse erinnern. David Hume nennt das Eindrücke (Impressions). Das sind Wahrnehmungen (Perceptions), die Affekte und Gefühle erzeugen. Und je intensiver wir etwas erleben, umso tiefere Spuren hinterlässt es in unserem Kopf. Das ist einerseits gut, weil wir uns an die schönen und intensiven Momente in unserem Leben erinnern können. Und hier kommt eben auch noch ein Haken. Das trifft leider auf negative Eindrücke zu. Eindrücke, die uns lebenslang verfolgen können, die Traumata.
Von der Vergangenheit haben wir nur ein verschwommenes Bild. Es sind eher Bruchstücke. Wenn wir uns zum Beispiel jetzt das Schulzimmer der ersten Klasse vorzustellen versuchen, dann können wir kein Gesamtbild abrufen. Wir können uns aus einzelnen Eindrücken ein Bild zusammenstückeln, und das nur sehr unvollständig. Das sind dann die Vorstellungen (Ideas), die Hume beschreibt. Die beschreibt er treffend als schwache Abbilder der Eindrücke. Es gibt sicher Ausnahmetalente, die ein fotografisches Gedächtnis haben, aber die meisten halt eher nicht.
Das ist auch gut so. Wir haben ja nicht unendlich viel Speicherplatz zur Verfügung und es ist essentiell, dass wir vergessen können. Stellt euch vor, ihr könntet euch an jede Nervensäge, die euch in eurem Leben begegnet ist, erinnern. Zum Glück nicht. Wir filtern diese Eindrücke, und Schlechtes blenden wir vielfach einfach aus. Früher war doch alles besser, oder?
Unser Gehirn ist halt irgendwie wie ein Schwamm, der irgendwann vollgetränkt ist. Wenn Neues und Wichtigeres rein soll, muss Altes raus. Und «Übrigs» tropft sowieso unten raus. Es kommt aber schon darauf an, was man alles reinlässt. Wenn man den Schwamm nur mit Schmutzwasser tränkt, ist eben auch nur Schmutzwasser drin.
Man sollte daher gut darauf achten, was man seinem Geist alles zumutet. Denn diese Eindrücke und Vorstellungen, ob gut oder schlecht, zum Glück beschönigt durch den gnädigen Filter der Zeit, konstruieren nämlich unsere Identität – also unsere Wahrnehmung vom «Ich». Das hatte schon John Locke beschrieben:
«Da das Bewusstsein stets das Denken begleitet und es das ist, was jeden Menschen zu dem macht, was er sein Selbst nennt, und ihn von allen anderen denkenden Wesen unterscheidet, besteht die persönliche Identität allein darin. So weit, wie dieses Bewusstsein sich rückwärts auf eine vergangene Handlung oder einen vergangenen Gedanken erstrecken kann, so weit reicht die Identität dieser Person.»
John Locke, Essay Concerning Human Understanding, Book II, Chapter 27, §9
Das heisst aber im Umkehrschluss auch, dass, wenn wir zu viel vergessen, vielleicht durch eine Krankheit wie Demenz oder einen Hirnschlag, dann verschwindet und schrumpft aber leider auch unsere Identität. Mitunter bis zur Unkenntlichkeit.
Was sie mir damals alles in die «Schatzbriefli» hineingeschrieben hat, weiss ich nicht mehr. Was ich geschrieben habe auch nicht. Eigentlich schade, dass ich sie nicht aufbewahrt habe.
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David Hume beschreibt gleich zu beginn seines Hauptwerks gut den Zusammenhang zwischen Wahrnehmungen, aus denen Eindrücke und Vorstellungen entstehen:
«Die Perzeptionen des menschlichen Geistes zerfallen in zwei Arten, die ich als Eindrücke und Vorstellungen bezeichne. Der Unterschied zwischen ihnen besteht im Grad der Stärke und Lebhaftigkeit, mit welcher sie sich dem Geist aufdrängen und in unser Denken oder Bewußtsein eingehen. Diejenigen Perzeptionen, welche mit größter Stärke und Heftigkeit auftreten, nennen wir Eindrücke. Unter diesem Namen fasse ich alle unsere Sinnesempfindungen, Affekte und Gefühlserregungen, so wie sie sich bei ihrem erstmaligen Auftreten in der Seele darstellen, zusammen. Unter Vorstellungen dagegen verstehe ich die schwachen Abbilder derselben, wie sie in unser Denken und Urteilen eingehen; ein Beispiel dafür sind die Perzeptionen, welche durch die vorliegende Abhandlung hervorgerufen werden, mit Ausschluß derjenigen, welche durch die Gesichts- und Tastwahrnehmung entstehen, abgesehen außerdem von der unmittelbaren Lust oder Unlust, die sie vielleicht hervorrufen.»
David Hume, A Treatise of Human Nature (Buch 1, Teil 1, Abschnitt 1)
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John Locke, Übersetzung aus 1872 auf Deutsch von J.H. v. Kirchmann:
