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Die Knochen

Fotografie: ismael@raumundzeit.blog
Fotografie: ismael@raumundzeit.blog

Katakombem Paris

 

Über einen Kilometer lang stapeln sich die Oberschenkelknochen auf beiden Seiten des Ganges, bis knapp unter die Decke. Knochen von 6 Millionen Menschen liegen hier.

Diese Millionen Oberschenkelknochen, die da um einen herum liegen, haben Menschen durch ihr ganzes Leben getragen. Zum Markt, auf das Feld, zur Arbeit. Auch auf den Friedhof, um ihre Angehörigen zu bestatten. Und der Schädel in der Mitte? Wem hatte er wohl gehört? Was hatte er oder sie für Träume? War es ein guter Mensch, den die Nachkommen vermisst haben? Oder waren alle froh, dass er weg ist?

33. Oberschenkelknochen

 

Jeder dieser Knochen hat eine Geschichte zu erzählen. Sie machen es still. Im Gegensatz zu uns: Wir machen das schrill. Wir tendieren dazu, unsere Welt um unser «Ich» zu konstruieren. Wir sind das Epizentrum der Welt. Alles dreht sich um uns und unsere direkte Umgebung. Karriere, Statussymbole, Ziele, Selbstverwirklichung, Selbstoptimierung, Bucket List. Und das teilen wir dann unseren Mitmenschen auch schön verpackt über diverse sozialen Medien mit, weil das ja genau unser «Ich» wieder bestärkt.

Für was um Himmels willen braucht man eine Bucket List? Ausser zur Befriedigung und Stärkung des eigenen Egos? Was ist, wenn wir morgen überfahren werden? Geistern wir dann auf immer und ewig umher, weil wir unsere Liste nicht «abgearbeitet» haben? Was ist das für ein Mechanismus, der uns so vor sich her treibt, noch alles Mögliche zu erleben, bevor wir abtreten? Es ist das «Ich», das wir uns konstruieren und dem wir heutzutage, befeuert von sozialen Medien, zu viel Wert beimessen. Oder denkt ihr, im Mittelalter hätte jemand eine Bucket List geführt? Und dennoch haben sie Unglaubliches vollbracht, das bis heute von deren bemerkenswerten Leistungen zeugt.

33. Decke

 

Uns sollte immer bewusst sein: Mit unserem Tod verschwinden auch unsere Erinnerungen, also auch das «Ich». Sind wir doch mal ehrlich mit uns. In hundert Jahren wird kein Hahn mehr nach uns krähen. Und ich denke, dass sich dann auch niemand mehr für die unzähligen «beeinflussenden» Individuen, die heute online sind, interessiert, auch wenn sie zehn Millionen Follower hatten. Man wird sich – zum Glück – nicht mehr an diese peinlichen Auswüchse unserer heutigen Gesellschaft erinnern. An die «normalen» Menschen dann sowieso nicht. Auch wenn unser digitales Erbe irgendwo da draussen umherschwirrt – es wird in der Datenflut untergehen und versinken wie Sand auf dem Grund des Meeres. Die meisten von uns gehen vergessen, wie die Knochen unter Paris.

Wie Schopenhauer so schön formuliert, wir sind nur ein flüchtiger Tropfen im Regenbogen:

«Wie die zerstäubenden Tropfen des tobenden Wasserfalls mit Blitzesschnelle wechseln, während der Regenbogen, dessen Träger sie sind, in unbeweglicher Ruhe fest steht, ganz unberührt von jenem rastlosen Wechsel; so bleibt jede Idee, d. i. jede Gattung lebender Wesen, ganz unberührt vom fortwährenden Wechsel ihrer Individuen.»

Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung

Ein paar wenige Individuen stechen natürlich aus dem Regenbogen hervor. Die haben Aussergewöhnliches geleistet. Herausragende Menschen, die die Welt massgeblich beeinflusst haben. Ob gut oder schlecht, sei dahingestellt.

Aber keiner von ihnen hätte das erreicht, was er erreicht hatte, ohne die Vorarbeit von Millionen, die die Gesellschaft bis eben genau zu dem Punkt gebracht haben, wo das möglich war. Keiner dieser Kriegsherren, auf ihren Sockeln hoch zu Ross, hätte auch nur irgendetwas erreicht ohne eine Armee im Hintergrund. Kein Erfinder hätte nur irgendetwas erfinden können ohne die ganze Vorarbeit über Jahrtausende. Auch nicht ohne ein soziales Umfeld, das es ihnen überhaupt ermöglicht hat. Von der Bildung bis hin zum Wohlstand, der es ihnen erlaubt hat, sich ihren Studien zu widmen. Kein mittelalterlicher Architekt hätte eine Meisterleistung wie eine Kirche von Notre-Dame errichten können ohne eine Vielzahl exzellenter Handwerker und ein Wissen, das über Jahrhunderte aufgebaut worden ist.

Eben nicht ohne diese Millionen Menschen, deren Knochen namenlos unter Paris liegen – und auch überall auf der Welt.

Wenn nun diese, aus der Menge herausragenden Menschen, Grabmäler und Denkmäler haben, die eines menschgewordenen Gottes würdig wären, ist ihr Erfolg, woraus dieser auch immer bestanden hat, immer ein Ausweis für die entsprechende Zeit – für die Gesellschaft. Darum stehen die Denkmäler und die Gräber immer für die Gesamtheit. Auch wenn das die meisten «Bewohner» dieser Prunkgräber sicher nicht gerne gehört hätten. 

Der überdimensionale Sarkophag von Napoleon: Auch Napoleon hat Europa nicht alleine erobert:

 

Ich mag Regenbogen. Wir sollten jeden Regenbogen genau anschauen und uns immer unseres Platzes in der Weltgeschichte bewusst sein. Das holt unser Ego vielleicht wieder etwas auf den Boden der Tatsachen zurück.

Und wenn man das wirklich zu Ende denkt, hinterlässt es nicht etwa eine Hoffnungslosigkeit, wie man zuerst vermutet, sondern eine tiefe empfundene Dankbarkeit, ein Teil dieses Regenbogens zu sein. Ein Teil dieser unglaublichen Reise der Menschheit!