«Aber wieso gerade dieser Name als Synonym?», werde ich öfters gefragt. Ich könnte jetzt irgendeine hochtrabende Story erfinden, von wegen Urvater von drei Weltreligionen und so. Aber es ist ganz einfach: Er ist mir beim Texten zugeflogen. Und zwar kommt er aus dem Buch «Moby Dick». Als ich geschrieben habe «Nennt mich…», war klar, was kommen musste. Auf die Bedeutung möchte ich gar nicht weiter eingehen, weil ich gar nichts Religiöses mit dem Namen verbinde. Für mich ist Ismael einfach der junge Mann in «Moby Dick», der sich auf Wanderschaft gemacht hat, um Abenteuer zu erleben. Ismael bestimmt nicht die Handlung, sondern wird von ihr getragen. Er ist nur der Erzähler. Da ich mich hier eher als Erzähler denn als Philosoph sehe, finde ich es daher noch ein recht passendes Synonym für meinen Philosophie-Blog.
Der Protagonist ist der Walfänger Kapitän Ahab. Er ist vom Wahn zerfressen, sich an dem Wal zu rächen, der ihn einst entstellt hat. Gregory Peck liefert in dem Film aus 1956 eine grandiose schauspielerische Leistung ab. Man spürt richtig den Hass, den Ahab in sich trägt. Sein Hass ist ansteckend und er zieht das Walfangschiff Pequod mit der ganzen Mannschaft mit in den Abgrund, ausser Ismael. Der wurde kein Opfer seines Hasses – er konnte sich befreien.
Gregory Peck in Moby Dick aus 1956. Copyright MGM
Interessanterweise wird der Hass in der klassischen Theologie nicht als Todsünde aufgeführt, sondern der Zorn. Auch in den buddhistischen Lehren wird nicht der Hass als Wurzelverblendung aufgeführt, sondern der Ärger.
Das kommt daher, dass Hass kein Gefühl ist, das einen einfach so überkommt, wie zum Beispiel der Ärger. Den Ärger oder den Zorn, egal wie man ihn denn benennen will, kann man im Zaum halten und lernen, damit umzugehen. Und so schnell er manchmal kommt, so schnell ist er auch wieder verflogen. Mit etwas stoischer oder buddhistischer Gelassenheit kommt er auch kaum mehr auf.
Nicht so aber der Hass. Hass ist destruktiv und zerstörerisch. Sozusagen kumulierter Ärger. Er ist ein Wahn, der sich selbst hochschaukeln kann und sich manifestiert. Und wenn er sich erst einmal manifestiert hat, ist er kaum mehr zu zügeln.
«Zum grenzenlosen Egoismus unserer Natur gesellt sich noch ein, mehr oder weniger in jeder Menschenbrust vorhandener Vorrat von Hass, Zorn, Neid, Geifer und Bosheit, angesammelt, wie das Gift in der Blase des Schlangenzahns, und nur auf Gelegenheit wartend, sich Luft zu machen, um dann wie ein entfesselter Dämon zu toben und zu wüten.»
Arthur Schopenhauer. Zur Ethik (P. II, 228.)
Und er ist ansteckend. Und eben auch irrational. Vom Hass befallen kann man nicht mehr klar denken. Man ist verblendet. Auch das wird uns in «Moby Dick», vor allem im Film aus 1956, auf exzellente Weise bildlich vor Augen geführt. Es wird uns vorgeführt, was dieser «Schopenhauersche Geifer», der in uns allen wohnt, in und um uns anrichten kann, wenn er losgelassen wird.
Aber man kann ihm entgegenwirken. Wenn man bereit ist, einen Blick hinter die Religion zu werfen und sich auf die Geisteswissenschaften hinter dem Buddhismus einzulassen, entdeckt man einen ungeheuren Schatz. Unzählige schlaue buddhistische Köpfe haben über Jahrhunderte, sogar über Jahrtausende, sich denselben zerbrochen und den Geist bis in die hintersten Winkel analysiert und durchleuchtet. Und sie haben Zusammenhänge aufgedeckt. Man kann nichts hassen, ohne sich darüber zu ärgern. Geht nicht, oder? Und genau darum definieren sie den Ärger als Wurzelverblendung und als die Ursache für weitere, noch viel schlimmere Geisteszustände. Wie eben den Hass.
Also was ist zu tun, wenn man nicht ein Opfer dieses «Schopenhauerschen Geifers» werden will und weiss, dass der Ärger die Ursache ist? Genau, ihm die Grundlage entziehen und keinen Ärger aufkommen lassen. Ihm entgegenwirken mit allen Mitteln, die für uns funktionieren und für jeden anders sind. Die, welche der Stoa folgen, zähmen ihren Ärger mit Gleichmut. Die, welche den Buddhismus praktizieren, begegnen ihm mit Gelassenheit. Und ich? Ich mit Schokolade.
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Zum Nachdenken:
«Wenn wir ärgerlich werden geschieht dies gegenüber einem von drei Objekten: Gegenüber dem Wesen, das uns Schaden zufügt: gegenüber dem Leiden, das dadurch entsteht, daß uns Schaden zugefügt wird; oder gegenüber den Objekten, durch die Leid entsteht. So wie Begierde die Attraktivität des Objektes überbewertet, ist auch Ärger eine verkehrte Vorstellung, die den unangenehmen Aspekt seines Objektes übertreibt.»
Geshe Rabten, Der Geist und seine Funktionen, S. 175
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Moby Dick von Hermann Melville: