In meinen jungen Jahren war ich ein unerschütterlicher Optimist. Die 80er waren ja auch super. Rubik’s Cube, Commodore 64, Breakdance. Gegen den sauren Regen hatte man Katalysatoren erfunden und die Berliner Mauer war gefallen. Einen Atomkrieg sollte es also auch nicht mehr geben. Es war eigentlich alles perfekt. Bis vielleicht auf die Ölkatastrophen und die AKWs, aber dafür war ich ja Mitglied bei Greenpeace. Und wenn man als Jugendlicher in den 80ern keine Zeitung gelesen hat, bekam man auch vom Hunger in der Dritten Welt nicht wirklich etwas mit. Ausser vielleicht beim Live-Aid-Konzert. Und das war ja das Ereignis schlechthin: alle Stars auf einer Bühne. Meine kleine Welt war also in Ordnung, so wie sie war.
Aber es war eben noch nie alles in Ordnung. Und es ist auch heute nicht alles in Ordnung. Und weil Schopenhauer genau das unverblümt auf den Tisch gelegt hat, gilt er bis heute als der Oberpessimist schlechthin. Sozusagen als der Endgegner aller Optimisten. Stimmt. Man braucht halt vielleicht mehrere Anläufe, um ihn zu schaffen. Er haut einem schon teilweise Sachen um die Ohren, die man nicht unbedingt hören will. Und je nach Lebenssituation vielleicht auch nicht so einfach wegstecken kann. Und das macht er manchmal mit der ganz grossen Keule:
Parerga und Paralipomena II, Von der Nichtigkeit des Daseyns:
«Diese Nichtigkeit findet ihren Ausdruck an der ganzen Form des Daseyns, an der Unendlichkeit der Zeit und des Raumes, gegenüber der Endlichkeit des Individuums in beiden.»
Parerga und Paralipomena II, Vom Leiden der Welt:
«Man kann unser Leben auch auffassen als eine unnützerweise störende Episode in der seligen Ruhe des Nichts.»
Daher kann ich mir gut vorstellen, dass, wenn man mental entsprechend negativ vorbelastet an seine Werke geht, er einen in eine grosse Dunkelheit stürzen kann. Aber eben nur, wenn man nur das Negative in seinen Schriften wahrnimmt. Schopenhauer selbst hat in der Einleitung zu «Die Welt als Wille und Vorstellung» geschrieben, man solle alle seine Schriften lesen, um zu verstehen. Am besten zweimal. Recht hatte er, wie mit so vielem. Er hebt sich positiv von vielen anderen Philosophen ab. Er stellt nämlich nicht nur eine Theorie oder ein System in den Raum und lässt einen dann damit allein. Nein, er zeigt einen Weg auf und öffnet einem die Augen für das Wunder, das uns umgibt, nachhaltig. Seine Lobeshymnen an die Kunst und die Natur erwärmen das Gemüt und sind ein Genuss zu lesen. Seine Ethik öffnet das Herz. Wenn man daher mit einer positiven Einstellung an seine Werke geht, erkennt man, wie viel Schönes darin steckt.
Dr. Raphael Bazardjan: Schopenhauer – Der Philosoph des Optimismus:
«Sobald ich mich ein wenig mit Schopenhauer vertraut gemacht hatte, fragte ich mich mit schmerzlicher Überraschung, wie ein Philosoph mit so gesunden, so schönen und großen Gedanken in den Händen seiner Kritiker so grausam entstellt werden könne. Wie darf ein Philosoph der Güte, der Menschenliebe, der Kunst und der Moral zum einfachen Pessimisten gestempelt werden?
Schopenhauer ist ein viel sanfterer und menschlicherer Philosoph als Kant und daher auch optimistischer. Er flößt uns Mut zum Leben ein, er füllt die Leere aus, die die Kantsche pessimistische Philosophie in uns hervorgerufen hat.»
Schopenhauers philosophischer Pessimismus ist also nicht negativ im Sinne von destruktiv oder entmutigend. Anders als der psychologische Pessimismus, der vor allem auf das Negative fixiert ist, fordert uns Schopenhauer auf, die Welt in ihrer Gesamtheit zu betrachten – mit all ihren Schattenseiten, aber auch mit ihrem Schönen. Gerade in dieser klaren Sicht auf das «Wesen der Welt» liegt die besondere Kraft seiner Philosophie.
Ja, der Schopenhauer ist zwar manchmal ein harter Gegner. Es lohnt sich aber, sich mit ihm anzulegen. Und übrigens, ich bin immer noch ein Optimist.
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Zum Nachlesen:
Was ist denn ein Endgegner?
Georg Wendel: Wie heillos ist an Schopenhauer gesündigt worden!
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Dr. Raphael Bazardjan, 1909, Schopenhauer - Der Philosoph des Optimismus
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Auch Dr. Ernst Ziegler aus St. Gallen wirft in diesem lesenswerten Florilegium ein freundliches Licht auf Schopenhauer:
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