Wie masslos habe ich als Jugendlicher das Buch Der Steppenwolf doch unterschätzt. Für mich war es damals nur ein Roman – schräg, verschachtelt, anrüchig, aber gut zu lesen. Heute, Jahre später, sehe ich das Buch mit ganz anderen Augen. Erst jetzt erkenne ich, welches Meisterwerk Hermann Hesse geschaffen hat. Mit dem Tractat vom Steppenwolf zeigt er uns auf geniale Weise eine tiefgründige Charakterstudie des Menschen auf.
Hesse beschreibt zwei Seiten in uns: den Geist, symbolisiert durch den zurückgezogenen Asketen, und die Triebe, dargestellt durch den Wolf. Beide Extreme stehen in ständigem Konflikt miteinander:
«Harry findet in sich einen ‹Menschen›, das heisst eine Welt von Gedanken, Gefühlen, von Kultur, von gezähmter und sublimierter Natur, und er findet daneben in sich auch noch einen ‹Wolf›, das heisst eine dunkle Welt von Trieben, von Wildheit, Grausamkeit, von nicht sublimierter, roher Natur.»
Die Wolfsnatur führt uns direkt zu Schopenhauers Willen. Schopenhauer sah den Willen als eine universelle Kraft, die alles antreibt – blind und ohne Moral. Dieser hat jedoch nichts mit unserem persönlichen Willen zu tun. Er ist vielmehr ein Prinzip, das unserer Welt zugrunde liegt. Schopenhauer erkannte zudem, dass wir Menschen im Gegensatz zu den meisten Tieren Kontrolle über den Willen ausüben können. Wir können ihn bis zur totalen Askese unterdrücken, also bis zur Verneinung dieses Willens.
Dieser Wille ist in der ganzen Natur sichtbar – am Offensichtlichen bei Lebewesen. Viele Tiere folgen ausschliesslich diesem Willen. Sie versuchen, ihre akuten Bedürfnisse zu befriedigen und ihre Spezies zu erhalten. Nur bei intelligenten Tieren erkennt man eine Absicht, die darüber hinausgeht. Und natürlich beim Menschen, der sich zur Befriedigung seines Genusses weit über seine natürlichen Bedürfnisse erhebt.
Dem steht die Askese konträr gegenüber. Ein rein geistiges Leben, das sich nur noch auf ein absolutes Minimum zum eigenen Erhalt beschränkt und von allem davon Abweichenden abschwört. Die Frage ist jetzt: Ist es wirklich richtig, diesen Lebenswillen, der ja ein Geschenk ist, zu unterdrücken? Ihm zu entsagen? Genau genommen haben wir ja durch dieses Geschenk auch eine Verantwortung übertragen bekommen – sinnvoll mit ihm umzugehen.
Hesse beschreibt, dass wir die Möglichkeit haben, beide Extreme auszuleben:
«Der Mensch hat die Möglichkeit, sich ganz und gar dem Geistigen, dem Annäherungsversuch ans Göttliche, hinzugeben, dem Ideal des Heiligen. Er hat umgekehrt auch die Möglichkeit, sich ganz und gar dem Triebleben, dem Verlangen seiner Sinne hinzugeben und sein ganzes Streben auf den Gewinn von augenblicklicher Lust zu richten.»
Doch er erkannte auch, dass diese beiden Extreme kein erfülltes Leben ermöglichen. Weder ein rein triebgesteuertes und nur auf Genuss ausgerichtetes Leben noch ein Leben in totaler Askese. Bereits Siddhartha Gautama predigte, dass eben die Mitte der richtige Weg ist. Das wäre ja dann ein Mensch, der die Gratwanderung zwischen Trieb und reinem Geist meistert. Hesse formuliert dies treffend:
«Der Mensch ist ja keine feste und dauernde Gestaltung, er ist vielmehr ein Versuch und Übergang, er ist nichts andres als die schmale, gefährliche Brücke zwischen Natur und Geist.»
Diese Balance findet sich im angepassten Bürgertum – den Menschen mit einer gewissen Bildung, die dem Genuss nicht abgeneigt sind, aber ihre Ausschweifungen und Triebe im Griff haben. Und genau dorthin zieht es Hesses «Steppenwolf» nach all seinen Ausschweifungen immer wieder hin: eben zur Mitte.
Als «Bünzli» ist man in dem Fall also gar nicht mal so daneben. Da bin ich aber froh.
_____________________
Zum Nachdenken:
«Was für ein unbändiges Ross, Zügel und Gebiss ist, das ist für den Willen im Menschen der Intellekt.»
Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung
«Der Wille ist schon eine gute Kraft. Man gebe ihm nur vernünftige Ziele, statt ihn zu einem aussichtslosen Streik zu verführen»
Dr. Arnold Kowalewski
_____________________