Wasser hat in der Philosophie einen hohen symbolischen Wert. Aber auch sie selbst hat viele Analogien zum Wasser. Interessiert man sich für die Philosophie, so fühlt man sich am Anfang wie in einem Sumpfgebiet. Man weiss eigentlich gar nicht, in welche Richtung man gehen soll. Wenn man einfach so drauflosläuft, zieht man sicher einen Schuh voll raus. Und wenn man nicht aufpasst, gerät man sogar auf Abwege.
Man stösst irgendwann unweigerlich auf die ganz seichten Gewässer. Die Talkshow-Philosophen mit ihren Bestsellern im Schlepptau. Meistens gutaussehend und redegewandt. Wie Politiker in hippen Kleidern. Überall können sie eloquent mitreden und für alles haben sie dann gerade noch ein Zitat von einem griechischen Philosophen parat. Man kann ihnen nur fasziniert zuhören und staunen, wie wenig man mit vielen Worten erklären kann.
Übermotiviert wagt man sich dann halt mal an einen richtigen Philosophen. Alle sagen, das ist einer der Grössten. Also beginnt man Kant zu lesen. Die Ernüchterung folgt umgehend. Er ist wie ein reissender Fluss, den man nicht überqueren kann. Die Komplexität, mit der man konfrontiert wird, haut einen um. Irgendwann gibt man dann auf, weil er einfach nur anstrengend zu lesen ist. Man wartet besser, bis das Wasser nicht mehr so hoch steht, und versucht es lieber später nochmal.
Schon etwas desillusioniert wendet man sich anderen bekannten Philosophen zu und stolpert in deren trübe Gewässer. Aber die müssen doch gut sein. Alle sagen es doch. Man beginnt sie zu lesen und scheitert fulminant, weil man ihnen schlichtweg nicht folgen kann. Weil man einfach irgendwas reininterpretieren kann und stundenlang darüber diskutieren könnte, was die überhaupt meinen. Der Hegel ist unter anderem so einer. Ein kleines Beispiel gefällig? Bringt sowas Klarheit in eure Gedanken?
«Der konkrete Inhalt der sinnlichen Gewissheit lässt sie unmittelbar als die reichste Erkenntnis, ja als eine Erkenntnis von unendlichem Reichtum erscheinen, für welchen ebenso wohl, wenn wir im Raume und in der Zeit, als worin er sich ausbreitet, hinaus-, als wenn wir uns ein Stück aus dieser Fülle nehmen und durch Teilung in dasselbe hineingehen, keine Grenze zu finden ist.»
Georg Willhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Kap. 1
Ich glaube, er meinte einfach, dass Zeit und Raum unendlich teilbar sind - oder so etwas Ähnliches - vielleicht ...
Unterwegs trifft man leider auch auf Tümpel. Unappetitliche Tümpel. In die man nicht mal einen Zeh reinhalten möchte. Wie zum Beispiel bei Nietzsches späten Schriften und Aufzeichnungen, die für die Nationalsozialisten ein gefundenes Fressen waren. Gut, seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die Verwalterin seines Nachlasses, hat hier sicher auch einiges dazu beigetragen, dass seine Schriften entsprechend ausgelegt wurden. Aber will man sich wirklich mit den Gedanken eines Philosophen auseinandersetzen, der solche Gedanken aufschreibt? Dass man Millionen Missratene vernichten müsse, um den zukünftigen Menschen zu gestalten?
«Jene ungeheure Energie der Größe zu gewinnen, um, durch Züchtung und anderseits durch Vernichtung von Millionen Mißrathener, den zukünftigen Menschen zu gestalten und nicht zu Grunde zu gehen an dem Leid, das man schafft, und dessen Gleichen noch nie da war!»
Nachlass-Fragment aus 1884, als Nietzsche noch zurechnungsfähig war (so sagt man wenigstens).
Wenn man Glück hat, stösst man dann irgendwann auf die Philosophen, die es schaffen, Ordnung in den Kopf zu bringen. Und die eine Ethik vertreten, bei der einem das Herz aufgeht. Wie zum Beispiel bei John Locke, der einem Tür und Tor für die Philosophie öffnet. Oder bei einem Schopenhauer, der einem sprichwörtlich den «Schleier der Maya» vom Gesicht zieht. Ihre Gedanken sind klar wie Bergseen.
Durch diese befähigt wächst man vielleicht über sich hinaus und wird zu einem Hobbyphilosophen und Blogger, wie ich, der einen homöopathischen Beitrag zur Philosophie leisten kann. Diesen Hobbyphilosophen kann man dann am ehesten mit dem Alprind vergleichen, das unter dem klaren Bergsee in den Bach brunzt.
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Schopenhauer holt die Leser immer ab. Genau darum, weil er dies hier verinnerlicht hat, ist er einzigartig und verständlich:
«Der philosophische Schriftsteller ist der Führer und sein Leser der Wanderer. Sollen sie zusammen ankommen, so müssen sie vor allen Dingen zusammen ausgehn, d.h. der Autor muß seinen Leser aufnehmen auf einem Standpunkt, den sie sicherlich gemein haben : dies aber kann kein anderer sein als der des uns allen gemeinsamen empirischen Bewußtseins.»
Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena II, Kapitel 1, § 5